nice to meet you!← Alle Beiträge
LinkedIn

Wissen ist nicht dasselbe wie Erfahrung

MR
Martin Reichle
Angewandte KI und digitale Transformation für den Mittelstand

Ein GPT macht mir Wissen in Sekunden zugänglich. Es erklärt Begriffe, sortiert Gedanken, zeigt Perspektiven. Ich nutze das selbst jeden Tag. Aber eine flüssige Antwort ist noch keine Erfahrung.

Erfahrung entsteht anders: durch Ausprobieren, durch Fehler und ihre Folgen, durch Gespräche und durch die Bereitschaft, die eigene Einschätzung zu überprüfen. Sie zeigt sich oft darin, zu wissen, was man noch nicht weiß.

Die Forschung schaut sich das inzwischen genauer an.

Microsoft Research und die Carnegie Mellon University haben 319 Wissensarbeiter zu über 900 Aufgaben mit KI befragt. Je mehr die Leute der KI vertrauten, desto weniger prüften sie kritisch. Wer den eigenen Fähigkeiten traute, hinterfragte mehr.

An der Aalto-Universität lösten Teilnehmer Logikaufgaben mit KI. Ihre Ergebnisse wurden besser, ihre Selbsteinschätzung aber noch deutlich mehr. Ausgerechnet wer sich mit KI gut auskannte, lag dabei besonders daneben.

Am MIT Media Lab schrieben Studierende Aufsätze mit ChatGPT, mit Suchmaschine oder ganz ohne Hilfe. Die ChatGPT-Gruppe zeigte die schwächste Hirnaktivität und konnte die eigenen Texte kaum wiedergeben. Die Studie ist klein und noch nicht begutachtet, aber die Richtung ist deutlich.

Drei Philosophen der Universität Glasgow spitzen es zu: Sprachmodelle sind der Wahrheit gegenüber gleichgültig. Sie klingen überzeugend, ob es stimmt oder nicht.

Das sehe ich jeden Tag in den sozialen Medien. Zu jedem Thema gibt es sofort eine fertige Meinung, von Menschen und immer öfter von Bots. Ob wir den Hintergrund verstanden haben und wissen, was wir da weitergeben, ist eine andere Frage.

Ich schätze andere Meinungen und guten Widerspruch. Beides bringt uns weiter. Schwierig wird es, wenn eine Meinung vor allem dazu da ist, dagegen zu sein, und der Inhalt dünn bleibt. Dann geht etwas verloren, das sich vielleicht nicht zurückholen lässt: die Neugier, sich in ein Thema hineinzudenken, zuzuhören und auch mal zu sagen: „Da kenne ich mich nicht gut genug aus.“

Im Gespräch merkt man schnell, wer ein Thema wirklich erlebt hat. Daran trennt sich die Spreu vom Weizen.

KI kann uns beim Lernen helfen. Die eigene Erfahrung nimmt sie uns nicht ab.

Quellen:
Lee et al., Microsoft Research & Carnegie Mellon, CHI 2025
Fernandes et al., Aalto-Universität, Computers in Human Behavior 2026
Kosmyna et al., MIT Media Lab, Preprint 2025
Hicks, Humphries, Slater, Ethics and Information Technology 2024

Zuerst erschienen auf LinkedIn → zum Original

Recherchiert und im Entwurf mit KI-Unterstützung erstellt, vor der Veröffentlichung von Martin Reichle geprüft und freigegeben. Näheres

Projekt besprechen →